BACHLERS WELT

DIE GEFÄHRDETE WELT DES BERGBAUERN CHRISTIAN BACHLER.
EINE REPORTAGE VON FLORIAN KLENK


Eigentlich sollte es schon richtig kalt sein in der Krakau, diesem verwunschenen Winkel der Obersteiermark, benannt nach den „Kra“, den hungrigen Krähen. Sie picken die Silage-Ballen auf, zum Ärger von Christian Bachler. Auf die Vögel darf man nicht schießen. Im Gegensatz zu den Hirschen, die hier noch immer nicht so richtig mit der Brunft beginnen. Es ist ihnen noch zu heiß für den Sex.

Fünf, sechs Grad sollte es hier haben. „Wir sollten eigentlich zu dieser Jahreszeit Wollhauben tragen“, sagt Christian Bachler, der den am höchsten gelegenen Bergbauernhof der Steiermark bewirtschaftet. Aber wir stehen in kurzen Hosen in der steirischen Krakauebene, weil ich ein Versprechen einlösen muss, das ich ihm im März gegeben habe. Er hatte sich damals über mich geärgert, sehr geärgert, richtig zornig wurde er.

“Dann ist der Wirbel losgegangen“

Bachler, 37 Jahre, sah mich auf Servus TV über das sogenannte Kuh-Urteil diskutieren. Ich hielt es, anders als die meisten Kommentatoren, für gerecht. Die Tragödie spielte sich in Tirol ab, weitab der Krakauebene, aber sie hätte auch Bachler passieren können. Eine Mutter war von einer Kuh zu Tode getrampelt worden. Ihr Kind und ein schwer traumatisierter Ehemann ­hatten deshalb nicht nur Trauerschmerzensgeld zugesprochen be­kommen, sondern auch eine kleine Rente.

Ich fand das gerecht. Bachler aber war so wütend auf mich, dass er sich in sein Schweinegehege auf 1450 m Seehöhe stellte und eine Protestrede gegen mich in sein Smartphone sprach. Mehrere Male musste er die Rede wiederholen, weil die Beschimpfung zu derb ausgefallen wäre, wie er mir heute gesteht. „Herr Klenk, steigen Sie oba vom hohen Ross in der Bobo-Bub­ble in Wien!“ Keine Ahnung hätten die „Oberbobos“ und der „Oberfalter“ von der Lage der Bauern. Ich solle ein Praktikum absolvieren. Bachlers resolute Mutter, eine stille, an der Welt interessierte Frau, sagt heute etwas verschmitzt: „Dann ist der Wirbel losgegangen.“ 253.000 Menschen sahen das Facebook-Video. Wutbauer versus Oberbobo, schrieb die Kleine Zeitung. Land gegen Stadt, sozusagen. Aber ist es so einfach?

Heute weiß ich: Bachler geht es um mehr als um das Urteil, er will aufklären, seine Welt zeigen. Er führt Beschwerde über die Agrarpolitik.

Am Telefon sagte mir Bachler noch, ich solle warme Sachen einpacken. Feste Bergschuhe, dicke Jacken, der Winter könne schnell hereinbrechen. Jetzt brennt uns die Sonne ins Gesicht, die Hitzetage nehmen kein Ende.

Bachler holt mich mit seinem staubigen Auto ab. Es mache ihm nichts aus, 20 Kilometer nach Murau zu fahren, sagte er, er müsse ohnedies noch ins Lagerhaus. Und so halte ich mich auf einmal in Regalgängen auf, die ich noch nie betreten habe. Es gibt hier „Stallfliegenkonzentrat“ zu kaufen, Antigeruchsmützen, „Euterpapier“ und „Silo-Reparaturband“ für die von den Krähen aufgerissenen Ballen.

Bachler hält eine blaue Tinktur namens Closamectin in der Hand, und dann nimmt er noch eine Dose Steinöl um 40 Euro aus dem Regal. „Wir brauchen die Schmiere für die Hörner der Yaks“, sagt er. Die würden von Pferdebremsen gequält, die neuerdings auch in den Hochalpen schwirren. Yaks? Yaks.

Die Rindviecher hat Bachler im Winter auf Willhaben entdeckt. Sie sollen die Schäden des Klimawandels reduzieren. Er will sie auf seiner Alm ansiedeln, weil sie die Rasenschmiele fressen, ein spitzes Gras, das einen wie ein Nadelkissen in den Hintern sticht, wenn man sich mit der kurzen Hose versehentlich draufsetzt. Die Hitze habe das Gras noch widerborstiger gemacht. Man brauche bald Schnittschutz­hosen auf der Alm, sagt Bachler.

Früher haben die Bauern deshalb Schafe oder Pferde auf die Alm getrieben, mit ihren Zähnen rupften die Viecher die Halme einfach weg, die Kühe hingegen verschmähen das rasiermesserscharfe Zeug. Aber Schafe gibt es hier auf den steirischen Almen kaum noch. „Auch du kaufst wahrscheinlich neuseeländisches Importlamm beim Billa“, sagt Bachler.

Die Yaks sind aber auch Opfer des Klimawandels, so wie alle Rinder hier. Die Klimakrise dringt in Form des Leberegels in ihre Körper. Versteckt in kleinen Wasserstellen schlummert der „Teufel“, wie Bachler ihn nennt, als Parasit in der Zwergschlammschnecke. Die wiederum klettert dank der Wärme immer höher auf die Almen. Und weil diesen Sommer die sonst so glasklaren Bäche austrocknen, stillt das Rind seinen großen Durst in sumpfigen Pfützen. Und da schlabbert es die Zwergschlammschnecke samt Leberegel mit. Langsam frisst sich der Egel dann durch die Innereien. Deshalb schüttet Bachler das blaue Closamectin auf den Rücken der Yaks, die Tiere nehmen die Medizin über die Haut auf. Aber da beginnt schon das nächste Problem: Wenn die Mistkäfer über die Kuhfladen der behandelten Yaks krabbeln, fressen auch sie das Closamectin – und sterben sofort. Und so bleiben die Kuhfladen liegen, bis zu zwei Jahre lang. Und die Almen bleiben ungedüngt.

Alpine Willhaben-Yaks mit Leberegel, kurze Hosen statt Hauben und Fladen, die nicht mehr verrotten: Ein paar Minuten mit Bachler zeigen mir, dass da etwas durcheinandergeraten ist in den Alpen. Globalisierung, Fleisch­industrie und Klimakrise verändern das hinterste Gebirgstal.

Ich bin mit dem Zug zu Bachler gereist, vier Stunden sind es von Wien. Die Waggons der Murtalbahn dürften etwa 30 Jahre nicht erneuert worden sein. Im Jänner hat ein Waggon sogar Feuer gefangen, ein Kabelbrand. Nur Schüler und Pensionisten sind auf den alten Dieseltriebwagen angewiesen. Auf alten Stahlbrücken kreuze ich die Mur, Traktoren wenden Heu, der Mais steht prächtig im Feld.

„Die Region liegt darnieder. Lass Dich von der Kitschkulisse nicht täuschen“

Bachler aber sagte schon bei der Begrüßung am Bahnhof, man solle sich von der Kitschkulisse nicht täuschen lassen. Die Region liege darnieder, in den letzten 20 Jahren sei ein Drittel der Leute weggezogen. Vor allem die Bauern seien in Not: weil die Hitze die Wiesen habe verdorren lassen. Weil das Futter daher immer teurer werde. Weil die Bauern deshalb das Vieh abverkauften und die Preise fielen. Die Leute seien verzweifelt, sie wählten vermehrt Blau, sagt Bachler, die Roten und Schwarzen seien Sündenböcke. Zumindest würden die Menschen an den Stammtischen so daherreden, wenn es überhaupt noch Stammtische gibt. Die Wirtshäuser­ verschwinden hier ebenso wie die Schulen, weil es keinen Nachwuchs mehr gibt.

Ja, Bachler redet sich in Rage in seinem staubigen Auto, mit dem wir nun vom Bahnhof zu seinem Hof aufbrechen. Er klingt jetzt wie in seinem Wutvideo. Aber er ist kein Wutbürger. Er ist ein messerscharfer Kritiker der Agrar- und Klimapolitik. Und er hat gute Argumente. Politiker, die das Billigschnitzel verherrlichen, sollten auf einen wie ihn hören.

Vom Bahnhof Murau ist es eine halbe Stunde zu Bachlers Anwesen in Krakauhintermühlen. Die letzten Kilometer sind immer noch nicht asphaltiert, dabei schuften hier seit 900 Jahren Bauern am Berg, wie Bachler herausgefunden hat. Auch das Handynetz ist schlecht. Für Bachler ist das ein echtes Problem: Über die Zimmervermietungsplattform Airbnb vermietet er seinen ausgebauten Dachboden, sogar Chinesen kämen nun vorbei, erzählt er, seltsame Leute, die auch in sein Schlafzimmer hineinfotografieren würden. Über seine Facebook-Seite vermarktet er sein Biofleisch.

Bachler will kein Modernisierungsverweigerer sein, er denkt an die Zukunft, er will eine Wende, er lebt hier vor, wie es gehen könnte. Er macht sich schlau, wann immer es geht. Sogar auf der Toilette stapeln sich Fachbücher über Almwirtschaft und Wurstproduktion. Am Smartphone liest er Reportagen der Hamburger Zeit über Ausbeutung auf Schlachthöfen oder stöbert in Google Scholar in alten Urkunden. Kürzlich fand er Gehaltslisten von Bergknappen, die in den umliegenden Bergen nach Gold schürften, zu Beginn des 15. Jahrhunderts war das. Das Tal hier hat eine lange Geschichte.

Schon nach wenigen Stunden auf seinem Hof lerne ich, was ihn bewegt: Die Entschädigung an die Kuhopfer ist es nicht. Es geht um die Lasten, die den Bauern in den letzten Jahrzehnten aufgebürdet wurden. Die bürokratischen Schikanen der EU-Fördergeber, die Quälereien der Agrarmarkt Austria, vor deren Kontrolloren die Bauern hier zittern, wie Bachler erzählt. Die Arroganz der schwarz regierten Bauernkammer reibt ihn auf, weil sie die Bauern wie dummes Vieh auf den falschen Weg geführt habe.

Bachler produzierte jahrelang, so wie von der Kammer erwünscht, Masse statt Qualität. Man solle „fit für die Zukunft“ sein, habe man den Bauern hier eingeredet. Der Milchpreis werde explodieren, „weil die Chinesen saufen uns leer“, und ganz Asien sei „aufs Milchsaufen draufgekommen“.

Dann kam die Wirtschaftskrise, und der Milchpreis sank von 40 auf 23 Cent, „das Mineralwasser ist heute teurer als unsere Milch“, sagt Bachlers Mutter. Die Banken seien jetzt die neuen Lehensherren, die Almen, seit Jahrhunderten bewirtschaftet, ihr wertvolles Pfand. Und niemand reiße das Maul auf. In der Politik nicht und in der Kammer nicht. Denn „die Sturschädeln und Querdenker, jene, die etwas weiterbringen wollen, werden von den Parteien einfach weggewaschen“. Man müsse kuschen, sonst werde man fertiggemacht. Bachler hat sich sogar einmal bei den Grünen Bauern engagiert, doch die Lust habe ihn verlassen, als die Ökos dazu aufriefen, mit rosa Traktoren auf die Love-Parade zu fahren, um sich mit schwulen Bauern zu solidarisieren. Ja, das sei eh wichtig, aber die Probleme der Bauern hier seien doch anderer Art.

Bachler hält den verbeulten Wagen an, sein pummeliger Hund Nessy empfängt uns mit Gebell. Er führt mich nun in sein Bauernhaus. An der Wand ein „Ehrendiplom“ für die Großeltern aus dem Jahre 1964 für „30-jährige treue Bauernarbeit“, ausgestellt von der Landeskammer. Bachlers Mutter steht an ihrem mit Holz beheizbaren Herd und serviert butterweiche, köstliche Koteletts zur Begrüßung, die Bratkartoffeln sind traumhaft fett. Bachler erweist seinem Gast alle Ehre. Die Bachlers wohnen in schlichten, aufgeräumten Zimmern, und sie haben Humor: In der Dusche blickt ein fröhliches Mangalitza­schwein von der Wand, Bachler hat es in Lebensgröße auf ein Plakat gedruckt.

Neben dem Haus öffnet sich sein großer Stall, durch den die Ferkel flitzen, weil Bachler ein bisschen Regenwasser stehen gelassen hat. In den Lacken zappeln Fliegenmaden, ein Genuss für die Sauen, die mit dem Hofhund raufen. Rundherum 20 Hektar Land, auf dem Weidegänse, Hühner und prächtig fette Puten Heuschrecken von den blühenden Gräsern knabbern. Ein Bilderbuchbauernhof ist das hier, glückliche Tiere, gefüttert nicht mit Soja aus dem Amazonasgebiet, sondern mit dem Gras, das ringsum wächst.

Aber was bringt Bachler das alles, außer einem reinen Gewissen? 26 Kühe und 60 Schweine füttert er hier durch, aber er lebt nach Abzug aller Ausgaben und Kreditraten von einem Gehalt von rund 800 Euro. Ohne EU-Prämien wäre er am Ende, die Schulden für den Stall sind erst in 20 Jahren getilgt.

Die wenigen Tourismusbetriebe in der Region, so klagt er, kaufen billiges Importfleisch aus Deutschland, obwohl seine Ware aufgrund der Almkräuter, die die Tiere fressen, einen so feinen Geschmack hat, „dass das Kobe-Rind einpacken kann“.

Auf der Küchenbank liegt wie zum Beweis ein Prospekt des Gastrogroßhändlers Transgourmet. 16,66 Euro kostet das Kilo Rindslungenbraten aus Deutschland, 70 Euro verlangt Bachler ab Hof. Für nur 6,66 Euro ist das Kilo Schweinslungenbraten zu haben. Wie soll ein anständiger Bauer mithalten? Wie soll er überleben bei diesem unlauteren Wettbewerb mit den Nachbarn? 350 Euro verdiene ein Landarbeiter in Ungarn, sagt Bachler und haut auf den Tisch. Und auf einem Bauernhof im Osten könnten auf der gleichen Fläche doppelt so viele Puten gehalten werden wie hier. Das solcherart produzierte Billigfleisch liege aber dank EU auch bei uns im Regal. „Aber wem kann man es verdenken?“, wirft Bachlers Mutter ein. „Mit Schweinefleisch kriegt man seine Familie satt, mit Paprika eben nicht, obwohl er dasselbe kostet.“ Viele Familien hier leben von 1200 Euro im Monat.

Frau Bachler reicht Topfenstrudel als Nachspeis, und ihr Sohn erzählt, dass die Bauern mit dieser Industrieproduktion einfach nicht mehr mitkämen, obwohl sie jahrelang auf Wachstum konditioniert worden seien: „Dänemark ist Vorbild! Das hämmerte man uns ein.“ Dänemark! Einmal habe er eine Betriebswirtin aus Kopenhagen beherbergt. Ab 10.000 Schweinen, so rechnete sie ihm vor, sei ein dänischer Betrieb rentabel. Sechs Euro verdiene ein dänischer Bauer pro Sau, die die Sonne nie gesehen habe. Wenn das Vieh dann doch ein paar Stunden an die frische Luft getrieben werde, müssten Landarbeiter aus dem Osten die Köpfe der Tiere mit Sonnencreme einschmieren, weil sie sich sonst den rosa Rüssel verbrennen und nicht mehr schnell genug fressen können. „So pervers ist das“, sagt Bachler.

Wir spazieren hinüber zum Gehege, wo er im März das Wutvideo aufgenommen hat. Ich solle die Schweine mit Getreide füttern, trägt er mir auf. Die Sauen schlunzen, und dann grunzen sie, dass es eine Freude ist. Bachler züchtet hier keine Sonnenbrandschweine, sondern eine rare, fürs Gebirge geschaffene Rasse. „Alpen-SUVs“ nennt er sie wegen der langen Beine. Die letzten Exemplare habe man bei alten italienischen Bauern entdeckt. 1916 seien die Tiere mit Zuchtverboten fast ausgerottet worden, weil sie nicht fett genug gewesen seien für die vom Weltkrieg geplagte Bevölkerung. Bachler aber schätzt die Alpenschweine, denn er kann sie mit Gras anspecken statt mit Regenwaldsoja.

Man wird wütend auf die Massenbetriebe, auch auf sich selbst, wenn man Bachlers Tiere hier in der Natur spielen sieht. Wütend auf die eigenen Ernährungsgewohnheiten. Wie die Tiere hier einander jagen, wie sie bei Wetterumschwüngen Mulden graben, wie sie miteinander herumtollen: fette, fellige Tiere, gefüttert mit gekochten Kartoffeln oder Schrot. Ein billiges Kindergartenschnitzel, wie von FPÖ und SPÖ im Wahlkampf gefordert, geben die Viecher natürlich nicht her.

Wie anders ist die Welt hier als in diesen Megamastbetrieben und Turbo­schlachthöfen, die Bachler einmal besucht hat und nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Ausgebeutete Arbeiter aus Osteuropa, „arme Schweine“, wie Bachler sie nennt, hätten an den Schlachtfließbändern gerade einmal sechs Sekunden Zeit, um eine Sau abzustechen. Dabei wisse jeder Bauer, „dass es zwei Minuten braucht, ehe das Leben aus einem Schwein verschwunden ist“.

Völlig wertlos seien solche Tiere heute. In den 70er-Jahren, erzählt Bachler, hätte sein Onkel für sechs Ochsen noch einen Traktor bekommen, so wertvoll seien Tiere gewesen. Und was bekommt er heute? „Die Reifen.“ Alte Schafe werfen die Bauern überhaupt nur noch in die Kadavertonne, seit der private Ab-Hof-Verkauf an Muslime nicht mehr gestattet ist. „Das Schächtverbot gibt uns den Rest.“

Nicht nur das Billigfleisch, vor allem auch der Klimawandel wird die Gegend hier verändern. Und mit ihr den Tourismus und alles, was an ihm hängt. Wenn Bachler aus dem Fenster auf die Berge blickt, dann sieht er die Baumgrenze nach oben klettern. Die Almen, auf denen die Touristen so gerne wandern, wachsen zu, die Fichten machen den Boden sauer. Aufgrund des Rückgangs der Almwirtschaft, insbesondere des Verschwindens der Schafe, wurzelt auch das Gras nicht mehr tief genug. So wird der Humus im Winter von riesigen, betonschweren Lawinen mitgerissen, die dann auch noch Geröll ins Tal schleudern. Wertvolle Almböden seien auf Jahrzehnte vernichtet, und damit sei auch die Agrarförderung für die Flächen dahin.

Nächster Tag, wir trinken Filterkaffee, auf dem sich die Milchhaut spannt. Dann ziehen wir los auf die Alm. In einem alten Opel-Kühlwagen, dessen Frontscheibe zersprungen ist, geht es über eine Schotterstraße hinein in ein kühles Tal namens Krakauschatten. Hinten im Laderaum sitzt Nessy, der Hirtenhund, neben ihm liegt die Motorsäge, mit dem Bachlers Freundin die wuchernden Wacholder kaputtschneiden wird. Vorher sammelt sie noch die Beeren. Abends wird sie die Früchte mit Bachlers Mutter sorgfältig rebeln, für den Gin.

Die Steige hier sind an manchen Stellen so steil, dass man bei einem falschen Schritt mit etwa 80 km/h ins Tal stürzen würde, sagt Bachler. Er kennt die Verletzten, er arbeitet bei der Bergrettung. Meine Aufgabe heute: Ich darf die Kuhgatter öffnen, den orangen Kübel mit der geschroteten Gerste tragen und einen kleinen störrischen Stier streicheln, den Bachler „Kleiner Falter“ taufte. Einmal rennt mich beinahe eine fette Kuh um, die lautlos auf mich zustürmt. Hund Nessy zwickt sie gerade noch rechtzeitig in den Hinterhaxen und rettet mich. Es kann schnell gehen.

Das Tagesprogramm: Leberegelbehandlung der Yaks, dann Suche nach einem entlaufenen Kalb, das Bachler schon abgestürzt wähnt. Um das Tier zu suchen, stapfen wir eine mit märchenhaften Zirben bewachsene Weide hinauf, wie bei den Hobbits in Tolkiens Mittelerde sieht es hier aus. Bachler reicht einen Zirbenzapfen, wir knabbern an den Kernen. Zirben sind der einzige Rohstoff, der wirklich noch Geld einbringt, sagt Bachler. Zirbenholz ist gefragt, es beruhige den Herzschlag, es dufte, und aus den Bockerln brennt er würzigen Schnaps.

Aber das ist schon alles: Die Forstwirtschaft bringe kein Geld mehr ein. Die Hitze schwäche die Wälder, die Borkenkäfer verwandelten den Forst in „Käferholz“. Die Notschlägerungen drückten den Preis. Dem nicht genug, hätten die Manager einer Papierfabrik den Bauern sogar erklärt, dass sie ihr Holz nun aus Venezuela importieren würden. Und wie zum Beweis für die Misere läutet das Telefon, und am Apparat ist eine Bäuerin, die Bachler gerade erzählt, wie man ihr den Holzpreis drückt. Er sagt zu ihr: „Die bringen uns noch um mit ihrem Geiz.“

Klimawandel, Fleischindustrie, Behördenschikanen, fallende Preise, die Launen der Weltmärkte, die Abwanderung: Wie wird das hier weitergehen? Bachler sagt, er habe umzudenken begonnen, und auch die Leute in den Städten sollten es tun, wenn sie im Supermarkt stehen. Er wolle Tieren ihre Würde belassen und damit ein Auslangen finden. Wir sollten weniger Fleisch essen, weniger geizen, dar­an denken, dass Fleisch ein Lebensmittel war, das einmal Augen hatte.

Es ist der letzte Abend. Wir essen Speck, den seine Mutter auf einer Schneidemaschine so hauchdünn aufschneidet, dass er auf der Zunge zergeht. Dazu selbstgestopfte Würste, so würzig und fein, als wären sie aus Wiens bestem Oberbobo-Delikatessenladen importiert. Eine Touristin aus Deutschland sitzt auch in der Küche. Sie ist wegen der Almen gekommen. Bachler zeigt ihr am Handy Videos von archaisch anmutenden Faschingsumzügen. Die Männer tragen alte Masken, gefiederte Hüte, sie sind als Pferde verkleidet oder als Narren, sie spielen ein Ritual, das hunderte Jahre alt sein muss. Eine stolze Dorfgemeinschaft im besten Sinne. Aber wie lange noch? Bachler sagt: „Wir stehen am Abgrund.“

5 Antworten auf „BACHLERS WELT“

  1. Da gibt es nur mehr sehr wenige Menschen, die für die Natur leben und nicht nur auf Profit aus sind. Solchen muss doch geholfen werden wenn wir ein wenig Anstand haben. Aber anscheinend ist dieser Anstand auch verloren gegangen.
    Leute, jeder trägt ein wenig bei würde ich meinen. Die meisten Politiker verschleudern doch eh unsere Gelder und, sie fragen uns noch scheinhalber. Bitte in welcher Zeit Epoche leben wir den? Helft doch den eigenen Leuten, weil die schauen auf gesunde Produkte und nicht von Übersee oder was weis ich wo her. Jeder sollte doch da die Börse zücken und etwas spenden. Da weist ja wo das Geld hingeflossen ist. Bei den „Staatsschindluder“ weist ja nicht in welche Kanäle dein Geld fliest.

  2. Ein vorbildhaftes Leben.
    Die Auseinandersetzung und die daraus erwachsene Kooperation zwischen den Herren Bachler und Klenk ist ebenso beispielgebend wie zukunftsweisend. Wäre es nicht großartig, wenn die Initiatoren hier weitergehen würde. Ich bin überzeugt, es gibt in Österreich noch weitere Menschen von Bachlers Format, die Unterstützung gut gebrauchen können. Warum diese hervorragend gemachte Aktion nicht ausweiten auf Bergbauern, die mit ähnlichem Engagement und unter ebenso widrigen Umständen kämpfen?
    Dafür ist mit Sicherheit noch viel viel mehr Geld aufzutreiben.
    Ein großes Dankeschön an alle Beteiligten! Ich würde mich sehr freuen, wenn diese wertvolle Pflanze sich vermehrt!!
    Liebe Grüße, Konrad Huber

  3. Ich bin in OÖ am Land aufgewachsen bei den großen Bauernhöfen in der Welser Heide. Bei dem Beitritt Österreichs zur EU wusste die Landwirtschaftskammer, dass es ein Bauernsterben geben wird in Österreich wegen der industriellen Agrarwirtschaft in NL, D, Dänemark usw. Aber nichts wurde dagegen getan. Der größte Fehler in der Agrarwirtschaft war, aus naturabhängigen Bauernhöfen eine wirtschaftlichen Industriebetrieb zu machen. Bachler hat diese Fehler richtig dargestellt. Österreich kann seine Einwohner nichtmehr allein versorgen, wir sind nicht mehr autark. Wir sind abhängig in unserer Ernährung von der globalen Agrarwirtschaft. Das ist schlimm!!!
    Immer mehr Bauern sperren ihren Hof zu, weil sie der Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr standhalten. Nur wir als Kunden und Käufer können dem entgegenwirken durch überlegtes Kaufen der einheimischen Produkte. Leider schauen immer noch zu viele Menschen bei den Lebensmitteln nicht auf Qualität, sondern auf den billigen Preis. Das sollte sich ändern.

Schreibe einen Kommentar zu Antony Fraskathy Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.